Alt – krank – abgeschoben
SHV Wed, 29.10.08
Wie soll die gesundheitliche Versorgung unserer älter werden Bevölkerung in Zukunft gesichert werden. Die Probleme sind zahlreich. Wir benötigen jedoch eine flächendeckende, sozial ausgewogene Grundversorgung für alle, an 365 Tagen im Jahr.
Die Ausdünnung der Versorgungslandschaft hat im Osten angefangen, ist aber schon in der Eifel angekommen, wie unser Kollege Burkhard Zwerenz aus Prüm – herzlich willkommen- uns bestätigen kann. Auch im Saarland sind die ersten Vorboten erkennbar.
Von 700 Hausärzten im Saarland sind 81 über 65, davon wiederum 32 über 63 Jahre alt. 194 sind über 56 Jahre, und man muss ggf. mit einem Einstellen der Tätigkeit in den nächsten 5 Jahren rechnen.
Praxisgebühr, DMP Programme Heilmittelrichtlinien, Qualitätsmanagement, EbM Medizin, REHA Richtlinien. Haftung für Heilmittel und Medikamente (Richtgrößenprüfung etc.), Budgetierung, umfassende Präsenz, Notfalldienst
Vernachlässigter Weiterbildungsgang zum Facharzt für Allgemeinmedizin, Laborreform sind die Marterwerkzeuge, denen wir heute in unseren Praxen ausgesetzt sind. Patienten sind keine Kunden. Maßgeblich darf weiterhin nur das individuelle Arzt-Patienten Verhältnis sein, das Raum lässt für Ängste, Sorgen und Nöte.
Wir haben im ambulanten Bereich immer noch kein Ausgabenproblem, sondern ein Einnahmeproblem, dazu kommt die Verkürzung der Verweildauer im Krankenhaus;
neue medizinische Entwicklungen und Anpassung der Leitlinien, sowie die durch uns nicht zu verantwortende Preisgestaltung bei Innovationen und generell im Pharmabereich.
Welches Angebot hat der Hausarzt als Vertragspartner anzubieten?
Auch wir sehen nur die qualitätsgesicherte Hausarztpraxis als Vorraussetzung für eine Weiterentwicklung in die Zukunft. Die interne Qualitätssicherung steht bereits im Gesetz, die Fortbildungspflicht auch. Schon immer kommen die Vertragsärzte verantwortungsvoll dieser Pflicht nach. Zahlen der Ärztekammer des Saarlandes belegen dies.
Es gibt inzwischen 35 hausärztliche Qualitätszirkel im Saarland, die sehr erfolgreich interkollegial Erfahrungen austauschen und zur ständigen Weiterentwicklung von Prozess- und Ergebnisqualität führen. Neue Weiterbildungsinhalte wie Palliativmedizin, Schmerztherapie werden von einer Großzahl unserer Ärztinnen und Ärzte wahrgenommen und auch im täglichen Handeln umgesetzt.
Alle diese Veranstaltungen sind – und ich betone dies ausdrücklich – produktneutral, am Patienten orientiert und widmen sich echter Fortbildung. Genau um diesen Zweck zu erreichen wurde schon vor etlichen Jahren das Institut für hausärztliche Fortbildung (IhF) gegründet, das diese Ziele garantiert und überwacht. Ihm verdanken wir auch die meisten am heutigen Tag stattfindenden Fortbildungsveranstaltungen
Für uns sehr wichtige Themen zur Weiterentwicklung der gesundheitlichen Versorgung unserer Bevölkerung sind:
- Teambildung und Bildung von regionalen Versorgungsgruppen
- die Zusammenarbeit mit Fachärzten und Krankenhäusern
- Kooperation und Abstimmung mit Pflege und Palliativmedizin
- Kontinuierlicher Diskussions- und Entwicklungsprozess mit Selbstverwaltung und Krankenkassen
- Information von Politik und Medien, Selbsthilfe und Patientenvertretungen
Wir mussten feststellen, dass dies nicht genügt. Die Entwicklungen der letzten Zeit, bis hin zum GKV ORG-WG, in dem das Verhandlungsmandat im Bereich der hausarztzentrierten Versorgung definiert wird, waren und sind weiterhin notwendig um unsere Arbeit abzusichern.
Dies alles geht nicht ohne eine starke Interessenvertretung. Dazu treten wir als Hausärzteverband an und erklären, dass wir bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen und die Versorgung in unserem Versorgungsbereich sicherzustellen. Das bedeutet, dass ein starker Hausärzteverband, Verträge für alle Hausärzte garantiert, die bereit sind die geforderten Qualitätsansprüche zu erbringen. Dies stellt auf Dauer eine gleichmäßige, flächendeckende Rund-um-die Uhr Versorgung sicher.
Bei der jetzigen Altersstruktur reicht dies jedoch nicht aus. Es müssen bundesweit, aber auch bei uns im Land dringend Maßnahmen ergriffen werden, die Versorgung auch in der Zukunft zu sichern. Wir fordern ein Sofortprogramm zur Sicherung der flächendeckenden hausärztlichen Versorgung als medizinische Grundversorgung für alle
- Sicherung der Ausbildung durch Einrichtung eines Lehrstuhls für Allgemeinmedizin
- Sicherung der Weiterbildung durch verpflichtende Rotationsstellen in den Krankenhäusern
- Absicherung der wirtschaftlichen Existenz durch Einführung eines gleichen Einkommens für Ärzte in Weiterbildung, gleich ob Klinik oder Praxis
Wir machen uns inzwischen Sorge um die geregelte Versorgung unserer Patienten
Wir beobachten
- ein Hinauszögern des Arztkontaktes - um 10 Euro zu sparen - mit der Folge eine Lungenentzündung zu riskieren, oder wegen einer sonstigen Komplikation im Krankenhaus zu landen um Zuzahlungen einzusparen
- weil man sich Heilmittel nicht mehr leisten kann, ist man eher bereit Leiden zu ertragen, als eine gute Versorgung in Anspruch zu nehmen
- unzulässiges Aussetzen oder Aufteilen von teils lebensnotwendigen Medikamenten um zu sparen und damit verbunden eine Zunahme von Komplikationen mit erheblichen Folgeschäden und Kosten
- dies alles insbesondere bei ärmeren und älteren Menschen.
Wir wollen aber ein niedrigschwelliges, für jeden erreichbares medizinisches Grundangebot für alle. Oder haben wir inzwischen von der sozialen Krankenversicherung Abstand genommen?
Wir wollen als Hausärzte diese Herausforderung annehmen und diesen Auftrag erfüllen. Dafür brauchen wir aber die notwendigen Rahmenbedingungen und die finanziellen Mittel.
- wir wollen uns auf unsere ärztliche Aufgabe konzentrieren und Verwaltung zentralisieren
- wir wollen unsere Mitarbeiterinnen qualifizieren um eine durchgehend hochstehende und kontinuierliche Versorgung anzubieten
- wir wollen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einstellen, um die Aufgaben Kooperation, Überleitung, Langzeitbetreuung und Casemanagement zu übernehmen.
- wir brauchen keine neuen Strukturen im Bereich Case-Management, die am Versorgungsbedarf vorbei, weit weg von den Menschen, „Gesundheit verwalten“
Die Politik hat die Vorraussetzungen geschaffen. Jetzt ist es an den Krankenkassen die Verträge zu vereinbaren. Wenn jedoch Gespräche überhaupt stattfinden, drehen sie sich oft im Kreis, die Angebote sind unzureichend und erfüllen bei weitem nicht den notwendigen Bedarf. Wir lehnen es ab nur Honorare bei Erreichen von Einsparzielen zu erhalten.
- wir wollen ein gerechtes Honorar für gute Arbeit
- wir stellen die Versorgung rund um die Uhr flächendeckend sicher
- wir bieten seit Jahren höchste Qualität
- wir bilden uns seit Jahren kontinuierlich fort.
Dr. med. Joachim Meiser
1.Vorsitzender
Saarländischer Hausärzteverband
